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In Augsburg wurden 2018 erstmals Sprachmentorinnen und Sprachmentoren geschult. Mit einem Sprachmentoring können Unternehmen die Deutschkenntnisse ihrer zugewanderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verbessern und die Sprache am Arbeitsplatz stärken. Theorie lernt man in der Schule, Praxis im Betrieb - was für Ausbildungsberufe junger Menschen gilt, ist auch der Gedanke hinter dem Sprachmentoring.

Nach einem Jahr blicken wir von MigraNet – IQ Landesnetzwerk Bayern auf die ersten erfolgreich abgeschlossenen Tandems zurück. Dazu haben wir Dirk Lichtenberger von pd.MEDIENLOGISTIK in Augsburg einige Fragen gestellt.

 

Herr Lichtenberger, Sie haben an der Pilotphase des Projekts „Deutsch am Arbeitsplatz“ teilgenommen. Wie sind Sie auf dieses Projekt gestoßen?

Als Abteilungsleiter Produktion wurde ich Anfang 2018 von meiner Geschäftsführung angesprochen, die mir das Projekt kurz vorstellte und um meine Einschätzung gebeten hat. Natürlich war ich sofort begeistert und so entstand der Kontakt zur Tür an Tür – Integrationsprojekte gGmbH über unsere Personalabteilung.

Was hat Sie daran besonders interessiert?

In den vergangenen vier, fünf Jahren haben wir vermehrt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem nicht-deutschen Kulturraum eingestellt, die zum Teil ungenügende oder zumindest nur geringe Deutsch-Sprachkenntnisse aufweisen. Zeitgleich steigen die Anforderungen des Marktes und die Komplexität des Alltagsgeschäfts. Dies stellt uns vor die Herausforderung, Einarbeitungen und Schulungen, aber auch vorhandene Arbeitsanweisungen und bestehende Teamrunden übersetzen zu lassen. Ob dann wirklich sofort alles verstanden wird, kann nur vermutet werden bzw. zeigt sich in der Ausführung der Tätigkeiten. Zudem gibt es Schlüsselpositionen, beispielsweise als Maschinenführer, der zwingend und unmissverständlich mit dem Maschinenpersonal kommunizieren muss, um quantitativ und qualitativ hochwertige Ergebnisse zu erreichen.

Die in externen Sprachkursen erlangten Kenntnisse genügen nicht der Fachsprache in einer Produktionsumgebung. Hier müssen Begrifflichkeiten erlernt und der Satzbau allgemeinverständlich für die Kolleginnen und Kollegen sein. Wir hatten auch die Hoffnung, dass das Überwinden von Sprachbarrieren zu einem größeren interkulturellen Verständnis unter der Belegschaft führt und so das Miteinander gestärkt wird. Die Erfahrung zeigt, dass oftmals Gesten und Halbsätze zu Missverständnissen führen können.

Nicht zuletzt ist so ein Pilotprojekt interessant, da man viel selbst ausprobieren und Erfahrung sammeln kann. Wir haben uns dabei an ein paar Grundregeln gehalten und der Rest ist „learning by doing“. Generell hat dieses Unterfangen natürlich auch etwas mit Mitarbeiterbindung und -wertschätzung zu tun.

Mit dem Konzept des betrieblichen Sprachmentorings haben Sie zugewanderte Beschäftigte mit einer Kollegin oder einem Kollegen zusammengebracht. Wie genau geht man Ihrer Meinung hier am besten vor? Und wie sieht die Zusammenarbeit innerhalb eines Tandems aus?

Zunächst sollte man sich darüber klar werden, welche Mitarbeiterin bzw. welcher Mitarbeiter in der jeweiligen Funktion gewisse Sprachkenntnisse benötigt. Das kommt immer auf die jeweilige Position an. Deshalb haben wir unsere Mentees bewusst ausgewählt. Wir haben uns gefragt, wer überdurchschnittliches Engagement zeigt und auf eine Langzeitbeschäftigung aus ist. Auf Seiten der Mentoren haben wir generell für so ein Projekt motivierte Kolleginnen und Kollegen gesucht, die idealerweise schon mehrere Jahre in der Firma sind und eine hohe Fachkenntnis besitzen. Interessant war hier auch das große Interesse von potentiellen Mentoren, die selbst vor Jahren nach Deutschland kamen und ihre Erfahrungen und Tipps weitergeben wollten. Wichtig ist, dass alles auf freiwilliger Basis beruhen sollte.

Wir haben insgesamt vier Sprachtandems gebildet, die sich seit Beginn des Projekts in regelmäßigen Abständen während der Arbeitszeit für ein bis eineinhalb Stunden bei uns in der Firma zusammenfinden. Der Inhalt dieser Treffen ist vielseitig und reicht von Arbeitsplatzbeschreibungen über das Lernen von Begrifflichkeiten, Lesen und Verstehen von Anweisungen bis hin zu Satzbildungsübungen mit korrekter Grammatik. Oftmals bekommen auch private Angelegenheiten ihren Platz. Da wird sich auch mal über die Vorbereitung zur Fahrschulprüfung oder den letzten Urlaub ausgetauscht. Es sind lockere Treffen, bei denen die Interessen der Mentees im Vordergrund stehen.

Welche Tipps und Empfehlungen zum Thema Deutschlernen haben der pd.MEDIENLOGISTIK am meisten geholfen?

Grundsätzlich muss sich jedes Tandem erstmal bewusst werden, dass der oder die Mentee im Vordergrund steht. Im Gegensatz zum schulischen Lernen bestimmt also der Mentee und nicht der Mentor, welche Themen in den Treffen besprochen und geübt werden. Grundsätzlich soll den Mentees die Angst vor Fehlern genommen und ihnen Mut zum Sprechen gemacht werden. Der Mentor korrigiert und ist eine Art Stütze, lässt den Mentees dabei aber gleichzeitig den notwendigen Freiraum.

Gerade bei Leseübungen lässt der Mentor das Gelesene in eigenen Worten wiederholen und zusammenfassen. Eine hohe Bedeutung kommt generell der „einfachen Sprache“ zu, also das Bilden von kurzen, verständlichen Sätzen. Auch die Bildsprache ist ein gutes Mittel, sich auf eine einfache Art zu verständigen.

Zu Beginn des Projekts wurde uns geraten, die Tandems möglichst nicht aus demselben Muttersprachkreis zusammenzustellen, um dem möglichen und zu erwartenden Rückfall in die Muttersprache entgegenzuwirken. Ich persönlich sehe dies nicht zwingend als Priorität Nummer 1 an, zumal sich Muttersprachtandems eher öffnen, wie wir erlebt haben und dabei hervorragende Ergebnisse abliefern. Wichtig ist hierbei nur eine strenge Selbstdisziplin zum Deutsch reden.

Mit dem Sprachmentoring beteiligte sich LMF am 6. Deutschen Diversity Tag. Der Wunsch war, dass sich am Ende der Projektlaufzeit von knapp einem Jahr Nachahmer finden. Hat das geklappt?

Ganz ehrlich, ich weiß bisher von keinem Fall, der aufgrund unserer Teilnahme am Diversity Tag 2018 das Sprachmentoring in seiner Firma eingeführt hat. Aber ich weiß, dass hausintern das Projekt bereits auf Interesse anderer Abteilungen gestoßen ist und es hierzu Nachfragen bei mir persönlich gab. Und auch bei Kolleginnen und Kollegen verbundener Unternehmen in der Branche wurde man hellhörig. Ich glaube, das wird bald auch in anderen Bereichen ein Thema sein.

Unternehmen, die noch unschlüssig sind, ob das Sprachmentoring das richtige für sie ist: Was möchten Sie diesen mit auf den Weg geben?

Machen, machen, machen! Alle Welt jammert über den Fachkräftemangel. Und dabei gibt es mit Sicherheit einiges an Potential im unmittelbaren Arbeitsumfeld. Diese Personen muss man fördern und fordern, auch mithilfe von Sprache integrieren und somit langfristig an die Firma binden. Wichtig ist, diese Personen wertzuschätzen und auch Perspektiven aufzuzeigen.

Die gezielte Suche nach Mentees ist ebenfalls wichtig. Es muss Zeit und Raum für gemeinsame Tandem- und Reflexionstreffen geschaffen werden. Natürlich muss das Projekt von Anfang an durch die Geschäftsführung an die gesamte Belegschaft kommuniziert werden, damit ein Grundverständnis vorhanden ist, warum gewisse Kolleginnen und Kollegen in den Genuss des Mentorings kommen. Letztendlich soll es keinen Neid oder Missgunst erwecken, denn: mit und von Kolleginnen und Kollegen zu lernen soll Spaß machen.

Haben Sie schon eine Idee, wie das Projekt und die Inhalte auch weiterhin in den Unternehmensalltag eingebunden werden können?

Wir betrachten das Sprachmentoring als vollen Erfolg und ich darf verraten, dass die vier Tandems auch nach offiziellem Projektende weitermachen wollen. Darüber hinaus gibt es neue Interessenten für derartige Tandems, sowohl auf Mentoren-, als auch auf Mentee-Seite. Wir werden derartiges Engagement auch weiterhin fördern. Ganz im Sinne von „Starke Marke – starker Arbeitgeber“.

Gibt es noch etwas, das Sie uns sagen möchten?

Ganz vielen Dank an MigraNet für die tolle Unterstützung während der gesamten Projektlaufzeit. Sowohl Einführungsveranstaltung als auch die Reflexionstreffen haben stets den Nerv der Mentorinnen und Mentoren getroffen und einen riesen Spaß gemacht. Der Mehrwert liegt auf der Hand: Die Mentees sind selbstsicherer geworden, kommunizieren nun angstloser und eindeutiger und fühlen sich wertgeschätzt.