Wer sich mit einer Geschäftsidee selbständig machen will, startet krisenfester, wenn er sich Unterstützung holt – sei es, um das Unternehmenskonzept oder den Kapitalbedarfsplan schlüssig zu erstellen, eine Einschätzung einzuholen oder um finanziell gerüstet und kreditwürdig zu sein. Insbesondere gilt das für Menschen, die aus EU- oder Nicht-EU-Ländern zugewandert sind oder zuwandern wollen. Ebenfalls gilt dies für geflüchtete Personen mit einem anerkannten Flüchtlingsstatus.

Damit ihr Gründergeist unterstützt und gestärkt wird, wurde Ende 2014 die Website www.wir-gruenden-in-deutschland.de als Gemeinschaftsprojekt der IQ Fachstelle Migrantenökonomie und dem IQ Landesnetzwerk Bayern ins Leben gerufen. Die Plattform richtet sich speziell an (1) ausländische Studierende, (2) an ausländische Akademikerinnen und Akademiker, (3) an Fachkräfte im Ausland und (4) an Geflüchtete, die in Deutschland gründen wollen.

Besonderheiten: mehrsprachig, mehrspurig, interaktiv

Websites, die Informationen zur Gründung bereithalten, gibt es einige. Die Plattform www.wir-gruenden-in-deutschland.de macht den Unterschied, indem sie konsequent zielgruppenbezogen – etwa für Studierende aus einem Nicht-EU-Land, Fachkräfte, die noch in ihrem Herkunftsland leben, oder anerkannte Geflüchtete – durch die Seiten lotst. Dabei hält sie aktuell 14 Sprachen bereit, die Sprachen der größten Geflüchtetengruppen inbegriffen. Sie verknüpft das komplexe Feld der aufenthaltsrechtlichen Fragen mit Gründungsfragen und schafft hier wegweisende Transparenz. Konkret bedeutet das: Man gibt zunächst ein, aus welchem Land man kommt und über welchen Aufenthaltsstatus man verfügt, um dann die individuell passenden Informationen zu erhalten, beispielsweise zu erforderlichen Qualifikationen, Genehmigungen oder zuständigen Behörden.

Darüber hinaus steht Ratsuchenden ein Glossar mit Gründungsbegriffen in Einfacher Sprache zur Verfügung, sie finden Anleitung zur Erstellung eines Business Plans und Listen, die Aufschluss darüber geben, für welche Berufe eine Pflichtmitgliedschaft (z.B. in Kammern) oder eine gewerbliche Zulassungspflicht besteht. Die Seite wird kontinuierlich um weitere Inhalte und Sprachen ergänzt und bietet darüber hinaus den direkten Kontakt zu einer IQ Gründungsberatung an. Falls weitere Fragen zur Gründung offen sind, helfen sie mit ihrer Expertise weiter.

Beratungspool: kompetent, spezialisiert, erfahren

An gewissen Punkten stößt eine Plattform an ihre Grenzen. Hier kommen die Experten, Dr. Ralf Sänger von der IQ Fachstelle Migrantenökonomie und Rainer Aliochin vom AAU e.V., ins Spiel. Sie helfen per Mail, am Telefon und in persönlichen Beratungen, teilweise in verschiedenen Sprachen, weiter, damit der Gründungsprozess nicht schon an grundsätzlichen Hürden scheitert. Nach Beantwortung der Erstanfragen holen sie sich Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen in ganz Deutschland. „Sobald es regional wird, binden wir unsere Partner ein. Sie sitzen unter anderem in Frankfurt, Saarbrücken, Hamburg, Erfurt, Magdeburg und Potsdam, kennen die örtlichen Gegebenheiten, können Marktpotenziale besser abschätzen und pflegen den Kontakt zu wichtigen lokalen Partnern und Einrichtungen“, so Dr. Ralf Sänger. Zweimal pro Jahr treffen sich die Beraterinnen und Berater, um ihre Erfahrungen austauschen und für qualitative Mindeststandards zu stehen. Viele von ihnen machen – sei es als Partner im Förderprogramm IQ oder als externe Kooperationspartner – schon viele Jahre migrationsspezifische Gründungsberatung. „Ziel ist, dass das Netzwerk weiter wächst, um den Ratsuchenden und Gründungswilligen flächendeckend helfen zu können. Noch gibt es ein paar weiße Flecken auf der Landkarte“, so Rainer Aliochin.

Dabeisein und Pionierarbeit leisten

Im Beratungspool sind Fachleute, die individuell, zielgerichtet und bedarfsorientiert Unterstützung anbieten. Sie verfügen über methodisches Wissen und dessen Umsetzung in der Beratungspraxis (u.a. Beratungsansatz, -verständnis, -handeln und -kontext), fachspezifische Kenntnisse der Gründungsberatung (u.a. Beratungsprozess und Unternehmenskonzept) sowie interkulturelles Know-how (aufenthaltsrechtliche Bedingungen, Anerkennungspraxis) im Sinne einer migrationsspezifischen Beratung.

Ziel ist es, weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu finden, die den Beratungspool ergänzen.

Wer Teil des Beratungspools von www.wir-gruenden-in-deutschland.de werden will, unterschreibt eine Selbstverpflichtung für eine migrationsspezifische Gründungsberatung von Personen mit Migrationshintergrund. „Das Besondere ist, dass der Pool Pionierarbeit leistet“, so Aliochin. Denn nach wie vor sind Angebote, die auf die gründungsspezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Migrationshintergrund ausgerichtet sind, rar. Sie werden aber händeringend gebraucht, denn das Potenzial für migrantische Gründungen ist groß, wie jüngste Studien der KfW (Gründungsmonitor 2017), des IAT oder auch des ifm Mannheim zeigen: Die Zahl der Selbständigen mit Migrationshintergrund ist von 2005 bis 2015 um 171.000 auf 737.000 und somit um 30 Prozent gestiegen. Im diesem Zeitraum ist die Zahl der Selbständigen ohne Migrationshintergrund um 90.000 bzw. drei Prozent zurückgegangen. „Wir werden nicht müde, die Vorteile migrationsspezifischer Gründungen als Wirtschaftsimpuls, aber auch als wichtigen integrativen Faktor zu beschreiben und aus dieser Blickrichtung die Fachkräftedebatte, die sich bisher auf Angestellte beschränkt, anzustoßen“, erklärt Dr. Ralf Sänger.